Der Klarblick des Raben

Orakel im Schamanismus

Von Nana Nauwald

In meinem Dreißigjährigen Wanderleben in den inneren und äußeren schamanischen Welten habe ich immer wieder neugierig und zugleich auch etwas skeptisch der Versuchung nachgegeben, über ein Orakel Antwort auf meine Fragen zu erhalten.
Wo immer sich mir eine Gelegenheit bot, die Wirkungsweise von Orakeltechniken zu erfahren, habe ich sie wahrgenommen. Und dieser Begriff „wahr-nehmen“ hat sich als Schlüssel zum Orakelfeld schamanischer Weltsichten entpuppt:
– bewusste Wahrnehmung der mit der jeweiligen Orakel-Methode verbundenen materiellen Wahr-Geber (Objekte wie z.B. Steine, Muscheln, Blätter) und den ihnen zugeordneten Bedeutungen;
– bewusste Wahrnehmungen des eigenen „inneren Wissens“ in einem konzentrierten, nicht-denkendem Zustand.
Ob ich die Antworten auf meine Fragen aus Kaurimuscheln, Cocablättern, Buchenstäben herauslesen, heraushören konnte, hatte immer mit meiner Vorbereitung auf das Orakel zu tun: die richtige Frage zu finden und dann: zu lauschen!
Lauschen – worauf? Ist es nicht immer die Person, die das Orakel für mich wirft und es deutet, der ich zuhören soll?
Vor einigen Jahren nahm ich in der Wüste von Nasca in Peru bei einem als Heiler bekannten Mann die Möglichkeit wahr, mir aus einem Cocablatt-Orakel eine Antwort geben zu lassen. Der Mann nannte sich selbst „Schamane“ und prahlte damit, großen Erfolg mit seinem Orakel zu haben. Ich genoss das ausführliche Gespräch vor dem Orakelritual, in dem er an meiner Person interessiert viele Fragen an mich stellte. Dann wuschen wir uns die Hände unter fließendem Wasser. Der Orakel-Spezialist rauchte, murmelte etwas, blies den Rauch über mich und die Cocablätter. Er ließ sie aus einer Schale auf den Tisch fallen, studierte die Lage der Blätter aufmerksam und begann zu deuten.
Je länger er Bedeutungen erzählte, desto unruhiger wurde ich. Meine Lauscher-Ohren hörten mehr und mehr Informationen heraus, die ich ihm vorher gegeben hatte. Höflich hörte ich mir alles an. Dann bat ich darum, selber die Cocablätter werfen zu dürfen und sie mir anzusehen, ohne seine Gedanken dazu zu hören. Er war etwas irritiert über meinen Wunsch, so versprach ich, für zwei Sitzungen zu zahlen anstatt für eine. Wieder wusch ich mir die Hände, nahm mir Zeit, meine Art der Vorbereitung auf ein Ritual zu machen: eine mich zentrierende Atmung, ein leiser Gesang, die mich schützenden und stärkenden Geistwesen zu rufen, mehrfache leises Murmeln meiner Frage, bis ich ohne Frage und Gedanken war.
Dass der Mann unruhig wurde und den Raum verließ, nahm ich nur nebensächlich wahr.
Dann blies ich meinen Atem auf die Cocablätter und ließ sie unter sanftem Pfeifen aus der Schale fallen. Mit weichem, aufmerksamem Blick besah ich mir die Blätter, nahm einige mir auffällige Muster wahr, die sie bildeten. Die Frage in mir war verschwunden, ich folgte den Linien der grünen Blätter und Freude stieg in mir auf, denn wie geschriebene Worte entfalteten sich die Antwort aus den Blättern, entfaltete sich die Antwort aus mir selbst heraus.
Ich bedankte mich beim Geist der Blätter, der sich mit meinem Geist verbunden hatte.
Vor dem Haus saß der Orakelspezialist. Ohne weiteren Kommentar nahm er mein Geld und ich ging. Gerne hätte ich ihn noch gefragt, warum er sich „Schamane“ nennt, doch seine Miene ließ keine weitere Gesprächsbereitschaft erkennen.
Orakel – sicherlich eine der ältesten Methoden, um das Begehren der Menschen nach „Antworten“ in Bezug auf Lebensfragen zu erfüllen. Frau oder Mann müssen nicht Schamaninnen, Schamanen sein, um Menschen mit Hilfe von Orakeln in ein „erkennen dessen, was ist“ zu führen. Denn die Arbeit einer Schamanin in indigenen Gemeinschaften geht auch heute noch weit über „Methoden“ hinaus.
Schamanen und Schamaninnen in schamanischen Traditionen sind auch heute noch „von oben Behauchte“, Menschen mit der besonderen Gabe des „Sehens“. Vielleicht liegen die ältesten Wurzeln des Begriffes „Schamane“ nicht in der Kultur der Evenki, sondern in dem babylonisch-assyrischen Wort schamasch. Es war der Name des Gottes der Sonne und der Orakel.
Wo immer auch der Begriff wurzelt – Orakel sind in unserer Kultur tief verwurzelt, die Wurzeln ankern auch bei uns in der Weltsicht, die wir heute als „Schamanismus“ bezeichnen:
„Alle Erscheinungen von Leben, ob sichtbar oder nicht sichtbar, haben einen „Geist“ und ein ihrem Wesen entsprechendes Bewusstsein.“
In diesem Sinne ist die uns umgebende Natur, die alle Möglichkeiten an Antworten auf unsere Frage in sich birgt: das Rauschen der Blätter, ein Stein, die Formen von Flamme und Asche, der Blick in ein ruhiges Wasser, der Ruf eines Vogels, der Flug eines Vogels. Alte Geschichten erzählen uns von den „klassischen“ Orakelvögeln, den Raben, aus deren Flug Antworten gelesen wurden. Alte Geschichten erzählen von weisen Frauen, die mit verhüllten Häuptern und Eichen gesessen haben und aus dem Rauschen der Blätter die Antworten und das „Kommende“ erlauscht haben.
Alte Geschichten? Sie werden zu neuen Geschichten, die ich aus den alten Wurzeln sprießen lasse, wenn ich das heute praktiziere, was „Schamanismus“ kennzeichnet: das Verbinden meiner „inneren Natur“, meines inneren Wissens, mit der „äußeren Natur“, dem unerschöpflichen „Brunnen des Wissens“.
Wenn mich heute etwas so beschäftigt, dass ich keine Antwort auf meine Fragen mehr weiß, dass mein „Klarblick“ auf das, was ist, zu einem „Schleierblick“ geworden ist – dann setze ich mich an einen Feldrand und werde „Vogelflug“, verwebe mich mit dem Gesang und der Bewegung der Vögel. Am nächsten sind mir dabei die Lerchen. Und irgendwann ist die „Stille der Erkenntnis“ in mir, geweckt durch mein Lauschen. Dann „weiß“ ich fast immer, was ich wissen soll. Heute, Jetzt. Das Wissen ist nicht für „morgen.“
Oder ich mache es wie die alten Seherinnen, setze mich unter eine Eiche, lausche dem Windklang der Blätter und gebe mich ihm hin, bis mein Fragen ein „Wissen“ ist.
Natur-Orakel. Denn auch ich bin Natur – und sicherlich ein wandelndes Orakel!
Nicht zu vergessen: all die hilfreichen „Klarblick-Pflanzen“ die als Räucherungen das „Erkennen“ fördern: Beifuss, Schafgarbe, Mistel, Sumpfporst und einige mehr…

Irgendetwas davon muss auch Rilke erfahren haben, als er den Vers schrieb:
Vor lauter Lauschen und Staunen sei still,
du mein tiefes Leben;
dass du weißt, was der Wind dir will,
eh noch die Birken beben.

Nana Nauwald © 2013. Veröffentlicht im KGS, Hamburg, Januar 2014
(www.kgs-hamburg.de)

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