Fliegenpilz trifft Ayahuasca

Notizen vom globalen Schamanismus-Markt

Von Nana Nauwald

Endlich in Sibirien!

Genug über Flliegenpilzrituale sibirischer Schamanen gelesen – und mich lang genug danach gesehnt!

Es begann vor fünf Jahren in Irkutsk, als ich im 13. Stock eines Wohnhauses ein Trance-Seminar hielt. Noch vor dem Seminar sprachen mich zwei junge Männer an und berichteten mir stolz, das sie zwei Wochen in Cuzco gewesen waren und dort bei einer Schamanin Ayahuasca getrunken haben.

Ich blickte aus dem Fenster hinaus auf den mächtigen Fluss Irkut, der hier in den von schamanischen Mythen umwobenen Fluss Angara fließt – und atmete tief durch. So dicht am Herzen des traditionsreichen Schamanismus Sibiriens war ich, und nun begegnete mir hier als erstes: „Ayahuasca“. Die Ayahuasca gebende „Schamanin“ entpuppte sich auf meine Nachfrage hin als ein junge Frau aus Großbritannien.

Habt ihr denn schon Rituale hier bei euch mit einheimischen Schamaninnen/Schamanen gemacht?“ war meine nächste Frage. Kopfschütteln war die wortlose Antwort.

Trends kommen aus dem Westen

Es sind schwierige Zeiten für Menschen im „neuen“ Russland, die mit aus ihrer Geschichte heraus verunsicherten Schritten spirituelle Wege betreten, die abseits der strengen Kirche liegen. Die Verunsicherung bezieht sich nicht nur auf den Verlust der gesellschaftlichen Werte, sondern auch auf alle Wege, die in der Sowjetzeit zu betreten verboten waren. Schamanismus gehörte auch dazu. Sibirien – ein „Kontinent“ in dem ca. 30 verschiedene indigene Völker mit eigenen Sprachen leben, die während der Sowjetzeit verboten waren. Die Burjat-Schamanin, bei der ich seit vier Jahren in der Region Chita/Ulan-Ude traditionelle Rituale erfahren darf, sagte mir: „Ich bin berufene Schamanin in der Linie der Burjat-Schamanen. Als ich nach schwierigen Lebensumständen begann, mich dem Schamanismus meiner Ahnenlinie zu öffnen, sprachen die Geister im Ritual Burjat, das ich nicht verstand und wieder lernen musste. Heute arbeite ich im Winter mit Ritualen in Moskau, nun sprechen die Geister auch manchmal Russisch.“ Ihren Beruf als Psychiaterin in einer Klinik in Chita hat sie mittlerweile aufgegeben.

Alles, was sich für die spirituell Suchenden vor allem in den Städten Russlands neu öffnet, haben „wir im Westen“ schon seit der Hippiezeit erfahren, durchlaufen, abgehakt…

Zuerst die Heimat entdecken

Und nun Ayahuasca. So ist es seit einigen Jahren: Wer in Moskau Therapeutin oder Psychologin ist und noch nicht in Peru war, noch nicht „getrunken“ hat, ist für den „Spirit-Markt“ nicht mehr interessant…..

Seit einigen Jahren bedrängte mich meine Moskau-Freundin, Psychologin, das ich sie mit nach Peru nehme solle.

„Ich habe bei uns im Fernsehen Berichte über Schamaninnen in Sibirien gesehen, die dort wieder mehr und mehr öffentlich wirken. Bist du denn schon in diesem Teil deines Landes gewesen?“ fragte ich sie. Betretenes Kopfschütteln war ihre Antwort. „Solange du nicht mit mir in Sibirien warst, kannst du nicht mit mir nach Peru fahren,“ war meine durchaus etwas hinterlistige Antwort…

Nun war sie mit mir in der Familie des alten, traditionell arbeitenden Shipibo-Schamanen, in dem ich seit 14 Jahren zu Gast bin. Nun ist ihre Arbeit als Psychologin in Moskau wieder mehr „wert“: sie war in Peru, sie hat Ayahuasca getrunken! 

Vor einiger Zeit hielt ich in der „Akademie der russischen Wissenschaften“ einen Vortrag über die schamanische Tradition des Volkes der Shipibo in Peru. Nicht unerwähnt ließ ich die rasanten Veränderungen in diesem Volk durch den Ayahuasca-Tourismus. Empört sprach mich nach meinem Vortrag eine junge Frau an: sie sei 4 Wochen in Peru gewesen, in einem der von mir erwähnten Zentren bei Iquitos, und sie habe über zwanzigmal Ayahuasca getrunken. Der Schamane habe ihr ein “ikaro“ zum Heilen gegeben, nur für sie. Nun ist sie Schamanin, singt in Moskau diesen Heilgesang und gibt ihren Klienten Ayahuasca.

Ausgerechnet dieser „berühmte Schamane“ hat sich in den letzten Jahren mehrfach in Ayahuasca-Ritualen an Frauen sexuell vergangen. Nun reist dieser Mann seit 2 Jahren nach Moskau und gibt in Therapeuten- und Psychologenkreisen Ayahuasca.

Ayahuasca-Tourismus

In Bezug auf den Kontakt mit schamanischen Bewusstseinswelten scheint Sibirien noch weiter entfernt von Moskau zu sein als Peru es ist. Die Sehnsucht nach dem Kontakt zu den Welten des Bewusstseins, zum Erspüren und „wahren Wissens“ ist so alt wie unsere Menschheitsgeschichte.

Weltweit waren und sind es Pflanzen und Pilze, die uns Menschen Bewusstseins-Türen geöffnet haben.

Ayahuasca, die Liane der Seele, ermöglicht diese heilsame Verbindung zur Unendlichkeit des eigenen Geist, zu den sichtbaren und nicht-sichtbaren Kräften und Bewusstseinsräumen.

Dabei geht es, wie Albert Hofmann so treffend gesagt hat, ums „Schauen“, nicht um das „Sehen“:

„Durch Schauen erweitert sich unser Bewusstsein vom Wunder der Schöpfung und unserer Geschöpflichkeit“

Die Mehrzahl der indigenen Völker Südamerikas nutzt die Kraft unterschiedlicher entheogener Pflanzen zum „Schauen“. Vielfältig beschenken uns auch in unseren europäischen Kulturen Pflanzen- und Pilze mit ihrem Wissen.

Menschen sind gewandert, Pflanzen sind gewandert im Laufe der Erdgeschichte. Warum sollten wir nicht – der Bewegung des Lebens folgend – von „anderen“ Menschen und Pflanzen lernen? Gibt es auch eine „spirituelle-psychonautische-Globalisierung? Und warum eigentlich nicht?

Vielleicht… weil unsere heutige Welt einen bewussteren, respektvolleren Umgang mit „anderen Kulturen“ erfordert.

Ein Schamane am Rio Pachitea konfrontierte mich mit seiner Sicht auf den Ayahuasca-Hype: „Erst habt ihr uns das Land genommen, die Bodenschätze und Wälder geraubt, unsere Kulturen zerschlagen. Nun nehmt ihr uns auch noch die kläglichen Reste unserer geistigen Welt – und tauscht sie gegen den allen „Geist“ übertrumpfenden Wert ein: Geld, Geld, Geld! Eure Gier vertreibt die Geister und schwächt den Geist der Pflanzen“.

Ja, das Ayahuasca-Geld hat tiefe Schnitte in die Gemeinschaften geschlagen.

Staunend beobachtete ich, wie mit Lianen vollgepackte Lastwagen am Dorf vorbeidonnerten „Woher holt ihr die Ayahusaca?“ fragte ich. „Aus dem Bergdschungel.“ „Und warum holt ihr so viel?“ „Hier bei uns im Flussdschungel haben wir alle Pflanzen verbraucht,“ war die trockene Antwort. „In den Dörfern hier braut fast jeder jetzt Ayahuasca und bringt es nach Lima. In Lima ist Ayahuasca jetzt sehr modern. Wir verschicken auch Ayahuasca sogar nach Mexiko, die sind dort ganz wild danach.“

Der Geist der Ayahuasca

Ich verdanke der Lehrerin Ayahuasca tiefe Einsichten und heilsamen Stärkungen. Sie macht mir auch Mut, nach 18 Erfahrungsjahren in Amazonien zu sagen: mit Respekt und Dankbarkeit gegenüber den schamanisch geprägten Ethnien, von denen wir lernen können, wird es Zeit, aufzuhören, deren Rituale und geistigen Bezüge zu imitieren.

„Du bist von einem anderen Geist“, sagte vor einigen Jahren der alte Schamane im Shipibodorf als ich anfing, die ikaros auf Shipibo zu singen. „Du musst in deinem Geist singen, in deiner Sprache singen.“ Ich war dankbar für diesen „Bewusst-Seins-Rüffel“ und wendete meine Aufmerksamkeit der sibirisch-schamanischen Fliegenpilz-Spurensuche zu: Ein Stückchen rote Pilzhaut auf meine Zunge gesetzt, mich selbst in Trance getrommelt – und schon lag das Flugticket nach Irkutsk vor mir!

Der vergessene Fliegenpilz

So bin ich in den letzten 5 Jahren tiefer und tiefer in die in Burjatien wieder erwachenden Schamanenwelten eingetaucht. Vieles dort ist mir sehr vertraut, vor allem die Rituale mit Feuer und Wasser und Trommelklang. Auch habe ich schon ein Reinigungsritual überlebt, bei in dem ich dreimal an weissglühenden Steinen lecken musste …

Leider ist auch in die zuvor geschlossene Vereinigung burjatischer Schamaninnen und Schamanen der „West-Geld-Blitz“ gefahren und hat sie gespalten. Die eine Schamanen-Linie lädt möglichst viele Besucher aus westlichen Ländern ein …. Die andere Linie ist damit sehr zurückhaltend. Sie sagen: „wir müssen er selbst wieder zu unseren schamanischen Wurzeln und Geistern finden, wir machen noch viele Fehler. Ohne die Hilfe unserer mongolischen Schamanen-Verwandten würden wir es nicht schaffen, wir müssen noch viel lernen.“

Meine Fragen nach dem Gebrauch von Fliegenpilz wurden bislang immer mit etwas verlegenem Kopfschütteln beantwortet. Doch mein mitgebrachter Fliegenpilzwodka wurde mit anerkennendem Grunzen geleert!

Doch die in Schokolade eingehüllten kleinen braunen Pilzfreunde, die ich im letzten Sommer einigen Schamaninnen und Schamanen schenkte, liegen bei ihnen immer noch im Kühlschrank ….

Beeindrucken konnte ich sie auch mit einem Foto: vor meinem Atelier stehen vier Solar-Fliegenpilze. Zwischen zweien der Solar-Pilze wuchs ein echter Fliegenpilz! Wahrscheinlich hat dort jemand einige Tropfen Ayahuasca fallen lassen… und den Fliegenpilzgeist als Antwort hervorgerufen…..

Mich beeindrucken tief und mit spürbarer Wirkung in meinem Geist und Körper die Trancezustände, in die Schamaninnen durch Klang und Rhythmus verfallen: die wilden Bewegungen und Sprünge, die veränderte Stimme, ihre Antworten in Trance auf meine Fragen!

Und noch eine Notiz aus der sibirischen Schamaninnen-Welt: Die Burjat-Schamanin gab mir für mein Wort- Buch ein langes Interview. Ich bat sie mir zu sagen, was ich ihr als Gegengeschenk geben könne.

Ich hätte gerne, dass du für mich ein Fliegenpilzritual machst“, war ihre Antwort.

 

 

Alle Texte & Grafiken © Nana Nauwald