Fliegenpilz trifft Ayahuasca

Notizen vom globalen Schamanismus-Markt

Von Nana Nauwald

Endlich in Sibirien! Genug über sibirischen Schamanismus gelesen, genug von echten sibirischen Fliegenpilzritualen gelesen und mich danach gesehnt!
Es begann in Irkutsk. Begleitet von meiner russischen Freundin, die seit sechs Jahren in Moskau meine Seminare mit Naturritualen und rituellen Körperhaltungen und Trance nach Dr. Felicitas Goodman organisiert, begann mein sibirisches Schamanen-Abenteuer damit, dass ich im 13. Stock in einem großen Wohnzimmer ein Seminar hielt.
Noch vor dem Seminar sprachen mich aufgeregt zwei junge Männer an und berichteten mir stolz, das sie gerade aus Peru zurückgekommen seien. Sie waren zwei Wochen in Cuzco gewesen und hatten dort in einem Nachbarort bei einer Schamanin Ayahuasca getrunken.
Ich setzte mein bestes Pokerface auf, atmete einmal tief durch und blickte einen Moment lang aus dem Fenster, hinaus auf den mächtigen Fluss Irkut, der hier in den Angara fließt. Angara – der Mythen umwobene Fluss mit dem berühmten Schamanenstein kurz bevor sie, die Angara, den Baikalsee verlässt. Sie wird auch als einzige Tochter des Baikal bezeichnet, da sie dessen einziger Abfluss ist. Zuflüsse, „Söhne“ genannt, gibt es dagegen über 300 die in den Baikalsee fließen.
So dicht am Herzen des traditionsreichen Schamanismus Sibiriens – höre ich das in meinen Ohren seit einiger Zeit schmerzende Wort „Ayahuasca“.

Exotisches ist interessanter

Interessiert fragte ich die beiden jungen Männer nach dem Namen der Schamanin. Und wieder ging mein Blick hinaus zum großen Fluss: die Ayahuasca gebende „Schamanin“ entpuppt sich als ein junge Frau aus Großbritannien. Die Frage, ob ich ihnen raten würde, diese „Schamanin“ nach Irkutsk einzuladen, haben die beiden Männer mir nach meinem Seminar nicht mehr gestellt….
„Wisst ihr denn, wo die Pflanzen wachsen, die ihr getrunken habt?“
“Ja, im Dschungel“, war ihre Antwort. „Aber dorthin zu gehen, hatten wir Angst.“
„Habt ihr denn schon Rituale hier bei euch mit einheimischen Burjat-Schamaninnen gemacht?“ war meine nächste Frage. Kopfschütteln war die wortlose Antwort.

Trends kommen aus dem Westen

Es sind schwierige Zeiten für Menschen im „neuen“ Russland. Aus ihrer Geschichte heraus verständlich, betreten sie sich verunsicherten Schritten spirituelle Wege betreten, die abseits der Kirchen liegen. Die Verunsicherung bezieht sich nicht nur auf den Verlust der gesellschaftlichen einst feststehenden Werte, sondern auch auf alle Wege, die in der Sowjetzeit zu betreten verboten waren. Sibirischer Schamanismus gehörte auch dazu. Dazu gehört auch, dass alle Angebote für spirituelle Wege aus westlichen Gesellschaften kommen – auch wenn die Ursprünge einiger Wege wie Yoga andere kulturelle Wurzeln haben als die unsrigen. „Wir Westler“ kennen schon alles in der Spirt-Szene, haben alles schon gemacht, von Osho über schamanisch Reisen bis zu Reiki, alles was jetzt in Moskau neu und „in“ ist.
Und nun Ayahuasca. So ist es seit etwa zwei bis drei Jahren: Wer in Moskau Therapeutin oder Psychologin ist und noch nicht in Peru war, noch nicht „getrunken“ hat, „gilt“ in dieser Szene nicht mehr viel.

Zuerst die Heimat entdecken

Seit einigen Jahren bedrängte mich schon meine Freundin, die mich in Moskau organisiert und Psychologin ist, das ich sie mit nach Peru nehme soll.
„Lena“, sagte ich ihr darauf, „Ich habe auf Google Earth gesehen, dass zur russischen Föderation ein Teil gehört, der ‚Sibirien’ heißt.“ Worauf Lena bestätigend nickte. „Und dann, “ so fuhr ich fort, “ habe ich bei uns im Fernsehen Berichte über Schamaninnen in Sibirien gesehen, die dort wieder mehr und mehr öffentlich wirken.“ Wieder nickte Lena bestätigend.
„Bist du denn schon in diesem Teil deiner Heimat gewesen?“
Wieder war betretenes Kopfschütteln die Antwort. „Solange du nicht mit mir in Sibirien warst, diesem Teil deines Heimatlandes, solange kannst du nicht mit mir nach Peru in ‚mein’ Dorf am Amazonas fahren,“ war meine etwas hinterlistige Antwort ….

Ayahuasca-Tourismus

Nachdem ich dann zweimal mit ihr in Sibirien war, fuhr sie mit mir nach Peru, zur Familie des alten, traditionell arbeitenden Schamanen, bei der ich seit 14 Jahren Gast bin. Nun ist ihre Arbeit als Psychologin in Moskau wieder etwas „wert“, nun hat sie Ayahuasca getrunken!
Im letzten Jahr hatte ich die große Ehre, in der „Akademie der russischen Wissenschaften, in der dortigen anthropologischen Sektion, einen Vortrag über die schamanische Tradition des Volkes der Shipibo am Ucayali in Peru zu halten. Nicht unerwähnt ließ ich die rasanten Veränderungen in diesem Volk durch die wachsenden Ayahuasca-Touristen-Ströme, die glücklicherweise hauptsächlich die entsprechenden Ayahuasca-Touristen-Zentren bei Iquitos bevölkern. Empört sprach mich nach meinem Vortrag eine sehr junge Frau an: Sie sei 4 Wochen in Peru gewesen, in einem der von mir im Vortrag erwähnten Zentren bei Iquitos, und sie habe über zwanzigmal Ayahuasca getrunken. Der „Schamane“, habe ihr ein “Schamanenlied“ zum Heilen gegeben, nur für sie, und nun sei sie Schamanin und singe in Moskau diesen Heilgesang und gebe ihren Klienten Ayahuasca.

Missbrauch verläuft im Geld-Sand

Der „Schamane“, von dem sie sprach, war früher, bevor er sein großes Zentrum bei Iquitos aufgemacht hatte, ein für seine Gemeinschaft heilsam und engagiert arbeitender Schamane. Ich kannte ihn gut, deshalb habe ich nichts mehr dazu gesagt. Ausgerechnet dieser, in Insider-Kreisen berühmte Mann hatte in den letzten Jahren in seinem Zentrum mehrfach im Ritual sich an Frauen vergangen, die unter der Wirkung von Ayahuasca standen. Die Anzeigen, die einige der Frauen sich daraufhin trauten zu tätigen, verliefen bei der peruanischen Polizei im Geld-Sand.
Nun reist dieser Mann seit vorigem Jahr höchstpersönlich nach Moskau, gibt in Therapeuten- und Psychologenzirkeln Ayahuasca gibt, ist ein umjubelter Schamanen-Star.
Ja, Sibirien ist noch weiter entfernt von Moskau als Peru.

Der Geist der Ayahuasca

Ayahuasca, auch Yagé genannt, die Liane der Seele, ermöglicht bei vielen der Traditionen indigener südamerikanischer Völker die Verbindung zu Geistern und Bewusstseinswelten. Der psychoaktiv wirkende Sud besteht aus zwei Pflanzen: der Liane Ayahuasca (Banisteriopsis caapi) und den Blättern des Strauches Chacruna. Er wird in stundenlanger Arbeit gekocht, oft auch schon dabei besungen. Dem Sud können mit heilwirkenden Absichten auch Tabak und andere Pflanzen zugesetzt werden.
das-kochen-der-ayahuascaDer Geist der Ayahuasca lässt den Schamanen Verborgenes sehen, Ursachen von Krankheiten erkennen, und er stellt durch seine Gesänge, die icaros, die Harmonie im Einzelnen und der Gemeinschaft wieder her. Die meisten der indigenen Völker Südamerikas nutzen die Kraft entheogener Pflanzen zum „Sehen“. Es wird vermutet, dass die Völker Amazoniens über 200 dieser pflanzlichen Substanzen kennen und nutzen.
Auch in unseren europäischen Kulturen sind Pflanzen-Schätze wohlbekannt, die in veränderte Bewusstseinszustände führen. Im Zustand des visionären Sehens lassen sie die Welten des Bewusstseins und ihre inneren Zusammenhänge erkennen. Vielfältig öffnen sich „vor unserer Haustüre“ Wege und zeigen sich Mittel, in diesen Zustand des Sehens, des Erkennens zu gelangen, vor allem die „kleinen Pilzfreunde“ sind hier zu nennen.
Als ich im Ayahuasca-erfahrenen „Expertenkreis“ in Moskau die freundlichen bewusstseinsöffnenden Pilze erwähnte, auch auf tiefe Trancezustände sibirischer Schamanen durch Trommeln hinwies, hatten alle schon davon gelesen. Gelesen!

Geld, Geld, Geld statt Geist

Meine Versuche, auf die Hintergründe und Folgen dieses Ayahuasca-Tourismus hinzuweisen, hörten sie sich mit geschlossenen Ohren an – wie es auch in unseren Seminar-Welten der Fall ist: Erst haben wir westlichen Nationen den Menschen in Südamerika ihre Land genommen, dann ihre Bodenschätze, dann ihre Wälder, dazu beglücken wir sie heute mit Monokulturen von Soja-Anbau und Palmölplantagen, um unseren Hunger nach „richtiger“, veganer Nahrung zu stillen.

Und nun nehmen wir ihnen mit unserer auf exotische Schamanen-Erfahrungen ausgerichtete Gier auch noch die kläglichen Reste ihrer geistigen Welt – und tauschen sie gegen den allen „Geist“ übertrumpfenden Wert ein: Geld, Geld, Geld!
Und lassen uns einlullen von großartigen Versprechungen der Zentren-Leiter, Geld aus den Ayahuasca-Einnahmen an die Gemeinschaften weiterzuverteilen.
Kaum eines von diesen wohltönenden Prospekt-Versprechen wird erfüllt, es profitieren mit wenigen Ausnahmen nur die Familien des Clans, dem das jeweilige Zentrum gehört.

Unser Ayahuasca-Geld hat tiefe Schnitte in die Gemeinschaften geschlagen. Immer noch ist es so, dass ein Ayahuasca-Geber in einer gut besuchten Ritual-Nacht verdient als die gesamte Gemeinschaft eines kleinen Dorfes in einem Jahr. Die Autos und Motorboote der Ayahusaca-Geber werden immer größer, die Goldkettchen immer dicker, währenddessen die Verelendung in den Dörfern wächst und die wirtschaftliche Not mehr und mehr junge Menschen in die Elendsviertel treibt, und Familienväter in die Städte oder an die Küste zur Orangenernte.

Ausverkauf der begehrten Lianen

2009---als--im-dorf-die-ayahuasca-noch-reich-gruenteStaunend habe ich im September 2014 beobachtet, wie mit Ayahuasca-Lianen vollgepackte Pick-ups Staub aufwirbelten, als sie ins nächste Dorf fuhren. „Woher holen die die Ayahusaca?“ fragte ich den jungen Schamanen im Dorf. „Aus dem Bergdschungel.“ „Und warum, wofür holen sie so viel?“ „Hier bei uns im Flussdschungel haben wir nichts mehr, wir haben alle Pflanzen verbraucht“, war die trockene Antwort. „Und im Nachbarort brauen sie jetzt andauernd Ayahuasca, bringen es kistenweise nach Lima.“ „Nach Lima?“ „Oh ja, in Lima ist Ayahuasca jetzt sehr modern, und da kommen auch viele Europäer hin zum Trinken, die nicht in den Dschungel fahren wollen, viele Italiener. Wir verschicken auch Ayahuasca sogar nach Mexiko, die sind ganz wild danach.“
2014---die-mittlerweile-karge-ayahuascaernte--im-dorfIn den Dörfern am Fluss, für die der Verkauf von Ayahuasca ein leichtes, gutes Geld einbringt, wird den Menschen langsam bewusst, dass auch die „Dschungelapotheke“ die für den eigenen Gebrauch immer reich gefüllt war, demnächst „ausverkauft“ sein wird, wenn nicht für jede abgeschlagene Liane ein neuer Setzling gepflanzt wird.
Ich verdanke der Lehrerin Ayahuasca tiefe Einsichten und heilsamen Stärkungen. Ich achte sie so sehr, dass ich den Mut habe, nach sechzehn Erfahrungsjahren in Amazonien diese Kritik anzubringen, ich verweise darauf nicht nur mit diesem Artikel: Wir müssen auf unserer Suchen nach Erkenntnis Verantwortung übernehmen auch für unser Handeln gegenüber den Menschen und Wesen, von denen wir Erkenntnis erhoffen. Auch Spiritualität kennt Gier, Eitelkeit, Machtstreben. Der hungrige Esoterik-Einfall in die Welten der Menschen und Pflanzen Amazoniens hat leider auch mit diesen Begriffen zu tun.

Angst vor den Burjat-Schamaninnen

trommelnde-burjat-schamaninnenIch hatte das Glück, mit meiner Moskauer Gruppe an einem jährlichen Schamanen-Clan-Treffen im Baikal teilzunehmen. Mächtig waren die Trommeln, beeindruckend das sorgsame, lange Rufen ihrer Ahnen und Geister in der Vorbereitung auf das Ritual ihrer Trance.
Und dann der Moment, als die Trance einsetzt: die wilden Bewegungen und Sprünge, die so rau, fremd veränderte Stimme der Schamaninnen! Und dann rasen sie brüllend mit ihrem „schamanischen Segensstock“ auf die Menschen zu, die Frauen nehmen den Segen mit den wie ein Auffangbecken geschürztem Bluse auf, die Männer zupfen am Ausschnitt ihres T-Shirts und lassen den Segen der Schamanin dort oben hinein fallen. In diesem Moment, als die Schamanin wild herumrannte, mit dem Ritualstock fuchtelte und Unverständliches brüllte, verschwanden eilig alle aus meiner Moskauer Gruppe aus der Nähe des Ritualplatzes. „Die Schamaninnen haben uns Angst gemacht“, sagten sie später übereinstimmend. “Bei den Schamanen in Peru ist es schöner, “ sagte eine Teilnehmerin, „die singen so sanft die ganze Nacht.“
Und noch eine Notiz aus der internationalen Schamanenwelt: Eine Burjat-Schamanin gab mir für mein neues Buch ein langes Interview. Ich bat sie mir zu sagen, was ich ihr als Gegengeschenk geben könne. „Ich hätte gerne, dass du für mich ein Fliegenpilzritual machst“, war ihre Antwort.

 

Alle Texte & Grafiken © Nana Nauwald