Märchenmythen

Der Affe kannte früher das Feuer nicht

Coshiri perani ifiaaquero paamari

Früher kannte der Affe das Feuer nicht, nur der Frosch kannte das Feuer. Wenn der Affe den Rauch des Feuers beim Frosch sah, kam er, um seine cañiri zu kochen. Einmal hat der Affe ein Stück glühende Kohle zu sich gesteckt und geraubt. Er nahm die Glut mit in sein Haus, der Frosch aber wusste nicht, dass ihm die Glut geraubt worden war.
Es verging ein Tag, da sah der Frosch, dass beim Affen Rauch aufstieg. Da sagte der Frosch zu sich:
„Der Affe hat mir das Feuer gestohlen. Ich werde es mir zurückholen.“
Dann ging er und sprach zum Affen: „Warum hast du mir das Feuer geraubt?“
Er nahm dem Affen die Glut weg und trug sie wieder heim.
Der Affe litt erneut, weil er kein Feuer hatte. So ist es gekommen, dass die Affen kein Feuer hatten. Nur der Frosch hatte Feuer, weil er dem Affen das Licht wieder genommen hat. Immer musste der Affe zum Frosch gehen, wenn er seine cañiri kochen wollte. Denn der Frosch hat es nicht erlaubt, dass der Affe das Licht bekam. Er wollte das Feuer für sich behalten.
Der Affe besprach sich mit den anderen Affen. In einem Baum machten sie ein Loch, das ihnen als Feuerstelle dienen sollte.
„Muca, muca, muca“ kratzten sie und machten das Loch. Dann nahmen sie zwei Stäbe und rieben sie aneinander. Einen kleinen Baumstamm nahmen sie, und mit der Spitze eines Pfeiles bohrten sie. „Shoi, shoi, shoi“ bohrten sie.
Der Häuptling der Affen kam und fragte: Schwager, was machst du da?“
„Wir machen Feuer, Schwager“, antwortete er. „Der Frosch hat das Feuer. Aber er will es mir nicht geben, daher machen wir jetzt selbst Feuer. Dann können wir alle Feuer haben.“
Der Häuptling war damit einverstanden. Er hieß „Savoro“,
Der Häuptling nahm einen Achote-Stamm und bohrte selbst mit dem Pfeil. Da begann es zu rauchen.
„Coshiri, coshiri!“ riefen da alle. „Affe, Affe – Coshiri! Coshiri, CoshirL“
Das Loch wurde schwarz von der Hitze. Mehr Rauch stieg auf.
So entstand langsam das Feuer. Und alle hatten daran teilgenommen.
„Jetzt haben wir Feuer“, sagte der Häuptling Savoro zu den Affen. „Jetzt könnt ihr kommen, um euren shinqui zu kochen.“
Dann blies er in die Glut, legte Holz auf, und das Feuer brannte.
„Bringt mehr Holz“, sagte der Häuptling.
Die Affen gingen und brachten viel Holz, jeder ein wenig.
Immer mehr und mehr Holz brachten sie. Sie wollten ein großes Feuer haben.
Sie waren fröhlich und tanzten um die Flammen. Der Häuptling sagte:
„Schwager, bringe shinqui. Wir wollen probieren, ob unser Feuer die shinqui kocht, gleich wie bei unserem Schwager, dem Frosch.“
Ein Affe ging und brachte shinqui. Das Feuer brannte hell. Sie brieten die shinqui. Sie sahen, dass ihr Feuer die shinqui schneller briet, daß es nicht gleich war wie das Feuer des Frosches. Ein Affe sagte:
„Wenn der Frosch kommt, wird er denken, wir hätten das Feuer wieder gestohlen. Wir wollen ihn schlagen.“
Es vergingen einige Tage, da sah der Frosch den Rauch der Affen. Er ging zu den Affen, um sein Feuer wiederzuholen. Er war zornig. Zornig kam er zu den Affen.
„Warum habt ihr mir das Feuer wieder geraubt?“ rief der Frosch. )hr hättet in mein Haus kommen können, um die shinqui zu braten.“
Die Affen sagten:
Wir haben beschlossen, den Frosch zu schlagen, wenn er kommt.“ Die Affen standen auf. Sie nahmen Stöcke und erhoben sie zum Schlag. Als der Frosch das sah, wollte er entfliehen. Er sprang. Und sprang in das Feuer der Affen. Das Feuer war sehr heiß, weil die Affen gutes Holz gesammelt hatten. Er war in das Feuer gesprungen, weil er dachte, es sei so kalt wie sein Feuer. Da es aber heiß war, starb der Frosch.
Die Affen waren sehr zufrieden. Jeder nahm ein wenig vom Feuer, und sie gingen auseinander.
Das war zu der Zeit, als der Mensch ein Affe war. Deshalb kennen wir jetzt das Feuer. So haben wir gelernt, Holz zu reiben, um Feuer zu machen. Wenn du den richtigen Stamm nimmst und einen Feuerbohrer, kannst du Feuer machen. Von einem Affen haben wir es gelernt, der den richtigen Stamm fand, und von seinem Schwager, der den Feuerbohrer kannte.
So ist es mir erzählt worden. Unsere Vorfahren kannten das Feuer nicht. Vom Affen haben sie es bekommen.
Ich erzähle euch das, dass auch ihr es wisst und anderen erzählen könnt, wie es früher war. Wenn einer kommt, der wissen will, wie es früher war, dann sollt ihr ihm das erzählen.

Aus: Klaus Keplinger: Der Baum, der einem Mann ein Kind schenkte
Indianische Märchen und Mythen aus dem Regenwald (1993)

 

Wie die Hirschleute zu Feuer kamen

Vor langer, langer Zeit, in den ersten Tagen der Welt, war Häuptling Specht der einzige, der über Feuer im Haus verfügte. Sogar seine eigenen Leute, die Wölfe, besaßen noch kein Feuer. Die Hirschleute und ihr weiser Häuptling hatten ebenfalls kein Feuer und wußten nicht, wie sie es sich vom Specht besorgen sollten.
Eines Tages erfuhren die Hirschleute, daß ein ritueller Wintertanz im Tanzhaus des Spechtes abgehalten werden sollte. Heimlich versammelten sie sich und beschlossen, ins Dorf von Häuptling Specht zu gehen und sich dort Feuer zu beschaffen.
»Wer ist bereit, das Feuer zu stehlen?« fragten sie.
»Ich hole das Feuer für euch«, antwortete ein junger Hirsch. Da übergab ihm sein Häuptling eine Flasche aus Tang, gefüllt mit Haaröl. »Nimm dies mit«, sagte er, »auch diesen Kamm und diesen Stein. Sobald du das Feuer hast, musst du wie der Wind fortrennen. Und wenn dich die Wölfe verfolgen, wirf den Stein zwischen dich und sie. Er wird sich dann in einen großen Berg verwandeln. Und wenn sie dir wieder näherkommen, wirf den Kamm hinter dich. Er wird sich in dichtes Gebüsch verwandeln. Und wenn sie dir ein drittes Mal auf den Fersen sind, wirf das Haaröl auf den Boden. Es wird sich in einen großen See verwandeln.
Und dann musst du sehr, sehr schnell rennen. Unterwegs wirst du deinen Bruder Periwinkle Shell erblicken. Gib ihm das Feuer, und dann renne um dein Leben. Jetzt laß mich noch ein bisschen weiche Zedernrinde an dir befestigen, damit du das Feuer damit fangen kannst.«
Der Häuptling nahm weiche Zedernrinde, machte zwei Bündel daraus und band sie an den Ellbogen des Hirsches fest.
»Du musst es folgendermaßen machen«, fuhr der Häuptling fort. »Wenn einmal alle singen, musst du ums Feuer herumtanzen. Wenn das Lied zu Ende ist, bitte darum, man möge das Rauchloch öffnen, damit du ein wenig frische Luft bekommst. Wenn sie dann das Loch geöffnet haben, singen wir das zweite Lied. Und während wir mitttendrin sind, musst du das Feuer mit deinen Ellbogen berühren und dann durchs Rauchloch hinausspringen.«
Als die Versammlung zu Ende war, war es schon dunkel.
Der Tanz sollte beginnen. Der junge Hirsch und seine Leute begaben sich zum Tanzhaus der Wölfe. Beim Wandern sangen sie.
Als Häuptling Specht sie kommen hörte, sprach er zu seinen Leuten: »Die Hirschleute lassen wir nicht herein. Sie wollen uns nur das Feuer stehlen.«
Aber seine Tochter bat ihn inständig, die Leute hereinzulassen. Sie wollte den jungen Hirsch zu gerne tanzen sehen. »Ich habe gehört, er tanze sehr, sehr gut«, sagte sie.
»Also gut, macht die Tür auf und lasst sie herein«, befahl der Häuptling seinen Leuten. »Aber passt gut auf den Hirsch auf und lasst ihn beim Tanz dem Feuer nicht zu nahe kommen. Wenn alle drinnen sind, schließt die Tür und legt einen Riegel vor, dass er nicht mehr hinaus kann.«
Die Wölfe taten, wozu ihr Häuptling sie angehalten hatte. Die Hirschleute begannen das erste Tanzlied des Hirsches zu singen, und der Hirsch tanzte ums Feuer.
Am Ende des ersten Liedes wandte er sich an die Wölfe: »Es ist hier sehr heiß. Könntet ihr nicht bitte das Rauchloch aufmachen und ein wenig kühle, frische Luft hereinlassen? «
»Geht und öffnet das Rauchloch«, sagte Häuptling Specht. »Es ist wirklich heiß hier, und bis zum Rauchloch springt er nicht hinauf.«
Als das Rauchloch weit offen stand, begann der Chorführer der Besucher wieder zu singen, und der Hirsch tanzte ums Feuer herum. Immer wenn der Specht sah, dass der Tänzer dem Feuer zu nahe kam, schickte er einen seiner Leute zu ihm und ließ ihm sagen: »Bleib bloß weg vom Feuer!« Aber der Hirsch tanzte schneller und schneller und wirbelte nur so herum. Plötzlich berührte er das Feuer mit seinen Ellbogen, die Zedernrinde fing Feuer, und schon war er durchs Rauchloch hinaus gesprungen.
Weg war er. Er rannte in die Wälder, während ihm die Krieger des Wolfsstammes dicht auf den Fersen blieben. Schon hatten sie ihn fast erreicht, als er den kleinen Stein hinter sich warf, der sich in einen großen Berg verwandelte. Über den mussten die Wölfe erst rüberklettern. In der Zwischenzeit rannte der Hirsch meilenweit. Als sich ihm die Wölfe zum zweiten Mal näherten, warf er den Kamm hinter sich. Der verwandelte sich in ein Dornengebüsch, das sich in den Wolfspelzen festkrallte und sie zwang, langsamer zu rennen.
Aber nach einer Weile hatten sie sich durch die Dornbüsche durchgearbeitet und den Hirsch schon wieder fast eingeholt. Da goss er das Fischöl auf den Boden, und plötzlich war ein großer See zwischen ihm und den Wölfen. Während die Wölfe über den See schwammen, erblickte der Hirsch seinen Bruder Periwinkle Shell am Ufer.
»Periwinkle«, rief er, »mach deinen Mund auf, tu dieses Feuer hinein und verstecke es vor den Wölfen. Ich habe es aus Häuptling Spechts Haus gestohlen. Verrate den Wölfen nicht, wohin ich gerannt bin.«
Periwinkle tat das Feuer in seinen Mund und versteckte es. Und der Hirsch rannte weiter.
Nach einer Weile kamen die Wölfe vorbei und sahen Periwinkle am Weg sitzen. »Welchen Weg hat der Hirsch genommen?« fragten sie.
Periwinkle konnte nicht antworten, weil er den Mund nicht aufmachen wollte. Mit geschlossenem Mund konnte er nur sagen: »Ho, ho, hol« Und er zeigte auf den einen Weg und dann wieder auf einen anderen, um sie zu verwirren.
So verloren die Wölfe die Spur des Hirsches und mussten schließlich unverrichteter Dinge wieder abziehen. Das Feuer, das Periwinkle in seinem Mund gehalten hatte, wurde an alle verteilt, und seitdem gibt es Feuer überall auf der Welt.

Volk der Nootkas, Vancouver Island

Der Feuerraub

Das erste Wesen, das als einziger Feuer besass, war Ming-ra. Damit niemand es ihm wegnehmen könnte, benutzte er als Brennholz ganz große und schwere Stämme. Ming-ra hatte zwei Töchter.
Der kleine Specht Mbru rief alle Vögel zusammen um zu beraten, wie man Feuer machen könnte. Es kamen alle Vögel des Waldes zu der Beratung, denn alle froren sie und konnten nicht kochen.
Ming-ra hatte einen Fluss, aus dem seine Töchter immer Wasser zu holen pflegten. Die Vögel sagten nun zum kleinen Specht, er solle sich genau dort waschen, wo sie das Wasser holten.
Der kleine Specht wusch sich dort heimlich, und als er die Mädchen erblickte, ließ er sich ins Wasser fallen. Die Mädchen sahen ihn und hielten ihn für ein junges Vögelchen, das in den Fluss gefallen war und nun in Not war. Sie baten ihren Vater, es herauszuholen damit sie es aufziehen konnten.
Ming-ra kam, ergriff den kleinen Specht und nahm ihn mit nach Hause. Er setzte ihn zum Trocknen auf ein Scheit, das an einem Ende glühte, denn der Vogel zitterte vor Kälte. Ming-ra passte auf, das der Vogel nichts von seinem Feuer nahm. Da Mbru aber ein Specht war, pickte er jedes mal, wenn Ming-ra sich abwandte, auf die Rinde des Scheits um zu sehen, ob ein brennendes Stückchen abginge. Dabei achtete er darauf, weiter zu zittern. Während er so in der Wärme trocknete, pickte er immer öfter auf die Rinde. Als er endlich ganz getrocknet war, pickte er ein großes Stück mit einem Mal ab. Es fiel zu Boden.
In der Nähe des Hauses wartete schon sein Freund, der Kolibri.
Der kleine Specht rief ihn, nahm das glühende Stück vom Boden auf und gab es ihm, denn ein Kolibri fliegt schneller als ein Specht. Der Kolibri nahm die Glut und trug sie zu einem nahen Felde. Dort ließ er sie fallen, und das Feld fing Feuer.
Ming-ra lieg hinter dem Specht und dem Kolibri her, konnte sie aber nicht erwischen, denn sie stiegen in die Luft. Da suchte er das brennende Feld zu löschen, aber es gelang ihm nicht ganz. Es blieb noch Feuer genug für alle Vögelchen, nun froren sie nicht mehr und konnten ihre Nahrung kochen.

Überliefert vom Volk der Kaingang in Brasilien.

 

Die Entstehung des Feuers

In uralten Zeiten, ehe die Menschen das Feuer kannten, lebte in Maiwara an der Milne-Bucht eine alte Frau, die von allen Muhme genannt wurde.
Damals schnitten die Leute den Yams und Taro in dünne Scheiben und trockneten sie in der Sonne. Auch die alte Frau bereitete so für zehn Jünglinge das Essen und während diese im Busch nach wilden Schweinen jagten, kochte sie ihre eigenen Speisen. Das geschah mit Feuer, das sie aus ihrem Körper zog. Doch beseitigte sie stets die Asche und Abfälle, ehe die Jungen zurückkamen, denn sie sollten nicht wissen, wie sie den Taro und Yams kochte.
Eines Tages geriet ein Stückchen gekochten Taros unter die Speisen für die Knaben. Das war unabsichtlich geschehen. Als nun die Jungen ihre Abendmahlzeit verzehrten, erwischte der Jüngste das Stückchen gekochten Taro. Er kostete es und war ganz überrascht, dass es so gut schmeckte. Seine Gefährten mußten es auch versuchen und sie mochten es alle. Sonst waren Taro und Yams hart und trocken gewesen, jetzt waren sie weich, und sie konnten es gar nicht begreifen, weshalb der Taro so schön war. Als sie am andern Tag wieder zur Jagd in den Busch zogen, blieb der Jüngste zurück und versteckte sich im Hause. Er sah, wie die alte Frau das Essen für ihn und seine Gefährten in der Sonne trocknete, so wie es alle im Dorf taten. Doch dann sah er mit grossem Erstauenen, wie sie Feuer zwischen ihren Beinen hervorzog, aus ihrem Bauch heraus. Mit diesem Feuer kochte sie ihr eigenes Essen.
Als die anderen am Abend wiederkamen und ihre Abendmahlzeit verzehrten, erzählte ihnen der Jüngste was er gesehen hatte. Da erkannten die Knaben den Nutzen des Feuers und beschlossen, der Frau etwas Feuer zu stehlen. Und so schmiedeten sie einen Plan.
Am Morgen schärften sie die Äxte und schlugen einen Baum um, der so hoch wie ein Haus war. Dann versuchten die Knaben, darüber hinweg zu springen um herauszufinden, wer von ihnen der geeigneteste war, das Feuer zu stehlen. Das gelang allein dem Jüngsten, und so wurde er gewählt, um der alten Frau das Feuer zu stehlen. Am nächsten Tage gingen die Knaben wie gewöhnlich in den Busch, aber nach einer Weile kehrten sie wieder um. Als sie nahe der Hütte der alten Frau waren, versteckten sich neun Jungen, und der Jüngste schlich sich leise in die Hütte der alten Frau. Als sie das Feuer aus ihrem Leib gezogen hatte und darauf den Taro kochen wollte, schlüpfte er aus seinem Versteck heraus und schnappte ihr einen Feuerbrand weg. Er rannte so schnell wie er konnte zu dem gefällten Bäum, sprang darüber hinweg, und die alte Frau konnte ihm nicht folgen. Als er über den Stamm sprang, verbrannte er sich an dem brennenden Span die Hand. Er ließ ihn fallen, das Feuer erfasste das Gras und auch eine Pandanus-Palme geriet in Brand.
Nun lebte in einem Loch der Pandanus- Palme eine Schlange namens Garabuiye. Ihr Schwanz fing Feuer und brannte lichterloh wie eine Fackel. Die alte Frau ließ nun gewaltige Regenmassen herabstürzen, und das Feuer erlosch. Doch die Schlange blieb in ihrem Loch in der Palme und ihr Schwanz brannte weiter.
Als es aufgehört hatte zu regnen, kamen die Knaben zum Vorschein und wollten sich nach dem Feuer umsehen. Aber sie fanden keins mehr. Schließlich bemerkten sie das Loch in der heruntergebranten Pandanus-Palme, da zogen sie die Schlange heraus und brachen ihr den noch immer glühenden Schwanz ab. Darauf trugen sie einen großen Haufen Holz zusammen und setzten ihn mit dem Schlangenschwanz in Brand. Sofort eilten von allen Seiten, aus allen Dörfern die Leute herbei und nahmen sich Feuerbrände mit. Die einen nahmen dieses, die anderen jenes Holz dazu, aus den Bäumen, die das Feuer speisten, wurden nun ihre Schutzgötter.

Überliefert aus Papua Neuguinea
Taro: Taro oder auch Wasserwurzel ist ein Knollengemüse.
Yams: eine mehrjährige Kletterpflanze, deren Knollen mit hohem Stärkegehalt ähnlich unserer Kartoffel verwendet werden.


Die Herrin des Feuers

Vor langer Zeit lebten die Selkupen als Nomaden in der weiten Tundra.
Einmal gingen alle Männer einer Nomadensiedlung zum Jagen, nur Frauen und Kinder bleiben in den sieben Filzzelten zurück. Die Männer bleiben lange fort, viele Tage lang. Da ging eines Abends eine der Frauen in den nahen, kleinen Wald um Feuerholz zu sammeln und zu hacken. Zurück in ihrer Behausung, warf sie die frischen Holzscheite in den offenen Herd. Dann nahm ihr kleines Kindchen zu sich und setzte sich mit ihm dicht ans Feuer, um sich und das Kind zu wärmen.
Da schrie das Kindchen plötzlich auf und weinte sehr. Ein Funke vom Feuer war auf die Brust des nackten Kleinkinds gesprungen und hatte ihm die Haut verbrannt. Die Mutter sprang auf, legte das Kind in die Wiege und beschimpfte das Feuer aus Leibeskräften: „Was fällt die ein? Ich füttere dich unablässig, und du tust meinem Kind weh. Von mir bekommst du kein Holz mehr! Ich werde dich mit der Axt zerhacken und mit Wasser auslöschen!“
Sie schimpfte nicht nur, sie tat auch was sie sagte. Sie nahm eine Axt, zerhackte das Feuer. Dann griff sie nach dem Eimer und goß einen Schwall von Wasser in das Feuer.
„So, und nun bist du völlig verloschen, kein einziges Fünkchen ist mehr zu sehen. Nun wird es dir nicht mehr gelingen, meinen Sohn mit einem Funken zu verbrennen.“
So war es, das Feuer war ausgegangen, schnell wurde es kalt und finster im Filzzelt. Das Kind fing an, vor Kälte noch jämmerlicher zu weinen.
Da besann sich die erzürnte Mutter und versuchte, das Feuer wieder anzufachen. Doch soviel sie auch hineinblies, da glühte kein Fünkchen mehr. Der kleine Sohn schrie immer heftiger.
Da eilte die Mutter zu ihrer Nachbarin, um sich dort einen brennenden Scheit zu holen. Doch als die das Zelt ihrer Nachbarin betrat, da erlosch auch dort das Feuer. Die Frauen konnten in die kalte Glut blasen soviel sie mochten – kein Fünkchen Feuer leuchtete mehr auf. Da eilte die Mutter des schreienden Jungen aus der Behausung hinüber in das Filzzelt der nächsten Nachbarin – aber dort war es dasselbe: kaum hatte die Mutter das Zelt betreten, verlosch das Feuer im Herd und es war nicht möglich, es wieder zu entzünden.
Etwas an der Seite stand das Filzzelt der Großmutter der Frau. Dorthin lief sie jetzt in ihrer Hoffnung auf Feuer. Doch kaum hatte sie das Filzzelt der Großmutter betreten, da fauchte das Feuer, stieß schwarzen Rauch aus und erlosch.
„Was ist los,“ schimpfte die Großmutter,“kaum kommst du herein, verlischt das Feuer. Hast du dumme Frau etwa das Feuer in deinem Herd beleidigt?“
Da brach die Mutter des kleinen Kindes in Tränen aus. Nun gab es in der ganzen Siedlung kein Feuer mehr, überall war es finster und kalt.
„Na komm, gehen wir in dein Zelt. Ich will mir mal ansehen, was du angerichtet hast,“ sagte die Großmutter.
So betraten die beiden Frauen das Zelt, in dem der Kleine jammernd weinte. Aber was die Großmutter auch versuchte – sie konnte das Feuer nicht wieder entfachen.
Da hockte sie sich vor das Feuer und spähte aufmerksam und konzentriert in das Dunkel. Erst sah sie nichts. Doch dann sah sie, nur schwach erkennbar, mitten im erkalteten Feuer eine Alte sitzen. Die saß still da und glühte wie ein Feuer.
„Wozu strengst du dich an? Deine Enkelin hat mich tief verletzt“, sprach die Alte. „Sag mir, wieso. Ich weiß von nichts“, antwortete die Großmutter.“
„Sie hat mir mein Gesicht mit Eisen zerhackt und mein Augenlicht mit Wasser verlöschen lassen. Warum diese dumme Frau das gemacht hat, weiß ich nicht.“
Als die Großmutter das hörte, wurde sie noch wütender auf ihre Enkelin. „Ich habe ja immer gewußt, daß dieses dumme Ding mal etwas ganz Fürchterliches anstellen wird. Aber das sie so dumm ist dich zu beleidigen, das hätte ich nie gedacht. Herrin des Feuers, bitte grolle uns nicht, gib uns das Feuer zurück.“
Doch die Herrin des Feuers schwieg, sie schwieg lange. Lange ließ sie die Großmutter flehen und bitte. Dann endlich sprach sie:“ Ich gebe euch das Feuer, wenn mir diese Frau ihren Sohn gibt. Aus seinem Herzen werde ich die neuen Flammen aufspringen lassen. So werden die Menschen immer daran denken, das das Feuer aus dem Herzen eures Kindes kommt, und dann werdet ihr es besser hüten.“
Die Mutter des Kindes vergoß bittere Tränen und hielt ihren kleinen Sohn fest an sich gepreßt.
Die Großmutter aber sprach: „Alle sieben Menschenstämme haben deinetwegen das Feuer verloren. Wie sollen die Menschen ohne Feuer weiterleben? So leid es mir auch tut, du mußt deinen Sohn, meinen Enkel, der Herrin des Feuers geben.“
Da opferte die Mutter das Liebste, was sie hatte, und gab ihn der Herrin des Feuers.
Die Herrin des Feuers sprach: „Von heute an bis in alle Ewigkeit werden alle sieben Menschenstämme wissen, daß man Feuer nicht mit Eisen schüren darf. Nur in höchster Not darf das Feuer mit Eisen berührt werden, doch ich muß vorher um Erlaubnis gefragt werden. Ihr sieben Menschenstämme, merkt euch gut, was ich euch sage.“
Da berührte die Herrin des Feuers das Holz leicht mit einem Finger. Die Flammeln züngelten hungrig empor, und in den lodernden Flammen verschwand die Herrin des Feuers mit dem Kind.
Die Großmutter nahm ihre weinende Enkelin in die Arme, wiegte sie wie ein Kind hin und her und sagte:“Noch in vielen Jahren wird diese Geschichte unter den Menschen erzählt werden, wie du mit dem Herzen deines Kindes das erloschene Feuer neu entfacht hast.“

Volk der Selkupen, Sibirien
Ein samojedisch sprechendes Volk von ca. 1500 bis 2.000 Menschen. Die Schamanen wurden bei den Selkupen in drei Kategoeien unterteilt, die unterschiedliche Rituale ausführen, unterschiedliche Bezeichnungen und Ritualkleidung hatten. Die allgemeine Bezeichnung für „Schamane“ ist tätipi.

Alle Texte & Grafiken © Nana Nauwald