Schamanismus

Schamanismus wurzelt weltweit in dem Wissen, das alles, was ist, einen Geist hat und ein seinem Wesen entsprechendes Bewusstsein.
Alle Erscheinungen von Leben, ob sichtbar oder nicht-sichtbar, haben einen Geist, sind miteinander verbunden und stehen in Wechselwirkung zueinander. Der Mensch steht mit seinen besonderen Fähigkeiten im Kreis neben all den anderen Lebewesen und deren besonderen Fähigkeiten.
Das schliesst das Bewusstseinsfeld von „Geistwesen“ und „Ahnen“ mit ein. Schamanismus ist keine Religion, es ist eine ganzheitliche Weltsicht und gründet sich auf Erfahrung durch die Wahrnehmung der Vielfalt von Wirklichkeiten über die Sinne. Erfahrung ist der Schlüssel zum Verstehen, zum erkennenden Wissen.
Was man erfahren hat, braucht man nicht mehr zu glauben.

Schamanismus ist gekennzeichnet durch das Wissen um den Dreiklang der Kräfte des Erschaffenden, des Erhaltenden und des Zerstörenden, damit immer wieder neues Leben wachsen kann. Schamaninnen und Schamanen wirken mit ihren besondern Fähigkeiten und aus den Verbindungen mit ihren geistigen Welten heraus zum Wohle des Einzelnen und somit zum Wohle der Gemeinschaft, um diese Kräfte immer wieder in die Balance zu bringen. Die sie umgebenden Natur und ihre daraus wurzelnden Lebenszusammenhänge prägen die Vielfalt schamanischer Traditionen in ihrer unterschiedlichen Erscheinungsform. Das Erfahrungswissen, das auch der Mensch „Natur“ ist, prägt die starke Verbindung im Schamanismus zwischen Mensch und der „äusserern“ Natur.

Voraussetzung, um als Schamane oder Schamanin zu wirken, war und ist das Vorhandensein einer „besonderen Gabe“. Auf dieser besonderen Befähigung zum „sehen“ und „heilen“ baut die jahrelange Lernzeit bei einer Schamanen-Meisterin oder einem Schamanen-Meister auf. Die Arbeit einer traditionellen Schamanin, eines Schamanen ist immer gebunden an ein Leben in einer Gemeinschaft, die im gleichen geistigen Feld wie die Schamanin, der Schamane lebt. Schamanin/Schamane zeichnet die Fähigkeit aus, sich willentlich in veränderte Bewusstseinszustände zu begeben, losgelöst vom Ego, zum Zwecke des Wohlergehens des Einzelnen und der Gemeinschaft. Auf diesen „Bewusstseins-Reisen“ durch die „Anderswelten“ werden die Ursachen von Störungen in Seele, Geist und Körper des zu behandelnden Patienten erforscht, nimmt die Schamanin, der Schamane Kontakt auf zu „Geistwesen“ als Träger und Vermittler von hilfreichen Informationen, erkennt die Schamanin, der Schamane die Wirkungszusammenhänge zwischen der Menschenwelt und der geistigen Welt und kann in sie wandeln. Vielfältig wie die traditionellen schamanischen Kulturen waren auch die Bezeichnungen für Schamaninnen und Schamanen: „Von Oben Behauchte“ – „Blinde“ – „Meister des Feuers“ – „Zitternde“.

Schamanismus – eine seit Jahrtausenden bestehende geniale Mischform aus Naturwissenschaft, Medizin, Psychotherapie und Theater, verboten und verfolgt, verunglimpft und belächelt – und immer noch lebendig, in neuen Formen und auf neuen Wegen. Besonders der Umgang mit nicht-sichtbaren Wirklichkeiten und Kräften, den „Geistern“, ist in unserer nicht auf ein gemeinsames geistiges Weltbild bezogenen Gesellschaft ein heikles Thema, mit vielen Ängsten und Vorurteilen besetzt. Die Wirklichkeiten unserer hoch technisierten Wirtschaftskulturen werden nicht von der Geisteswelt des Schamanismus bestimmt, wir leben in einer vom Wert des Individualismus und Materialismus bestimmten Gesellschaft. So müssen wir größtenteils mit dem Verlust der „Wildheit“ leben, die oft nur noch erfahrbar ist unter abgesicherten Bedingungen oder in kreativen Prozessen. Doch auch wenn wir in einer nicht-schamanischen Gemeinschaft leben, so können wir doch viele der uns überlieferten heilsamen schamanischen Methoden nutzen, um wieder in Verbindung zu kommen zu dem auch in unseren europäischen Kulturen tief verwurzeltem Wissen unserer Ahninnen und Ahnen, die aus der Verbindung mit dem Geist der Natur, dem Geist der Mutter der ersten Schöpfung heraus gewirkt haben. Die bei uns aus diesen alten Schamanismuswurzeln unserer Kulturen neu wachsenden Zweigen schamanischer Weltsicht kennzeichnen sich vor allem durch willentliche Bewusstseinsveränderung (Klang, Rhythmus, Rückzug, Trance, Pflanzenmedizin) mit der Absicht, in den Zustand der Erkenntnis von „Sein“ zu gelangen, um in uns heute entsprechenden Ritualen Aktivierung von Heilenergien zu bewirken, aus dem bewussten Kontakt zum Geist von Pflanzen, Tieren, Elementen heraus aktiv Verantwortung zu übernehmen für das Wohl unserer Umwelt.
Es erfordert Erfahrung, Kreativität und Mut, neue Wege mit dem alten Wissen schamanischer Kulturen zu erkennen und zu leben, ohne die Riten und Vorstellungswelten anderer Kulturen zu imitieren.

Die Weltsicht „Schamanismus“ ist eine lebendige, vielfarbige, undogmatische Lebens-Weise, die aus dem Schamanismus-Grundgewebe heraus immer neue Formen und Farben entfaltet – zum Wohle aller Wesen.

„Suchet nicht das Wissen der alten Weisen,
sondern das, was auch sie gesucht haben.“
Matsuo Basho (1644-1694)

Burjat-Schamaninnen begrüßen und rufen singend und trommelnd die zu ihnen gehörigen geistigen Kräfte.
Olghon, Baikal.

Der Shipibo-Schamane Reshin Nika behaucht und besingt zu Beginn eines Heilrituals die visionserzeugende „Liane der Seele“, der ayahuasca, mit heilsamer Absicht.

Alle Texte & Grafiken © Nana Nauwald